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Coburger Zeitung, 14. November 1888

Der diesjährige Lormayors-Umzug in London
am 9. d. M. war im Ganzen genommen eine traurige Affaire. Vom Wetter kaum mehr begünstigt, als im letzten Jahre, wo der Regen in Strömen vom Himmel herabgoß, entbehrte der Zug, nachdem das neue Haupt der City einmal beschlossen hatte, das sogenannte Circuselement, d. h. die auf Wagen herumgefahrenen allegorischen Verherrlichungen der City von London, fortfallen zu lassen, all des Reizes, welchen seine seltsame Zusammensetzung aus den Resten des Feudalwesens, den Vertretern des modernen Staatswesens in Gestalt von Polizei und Militär und den häufig hübsch arrangirten sinnbildlichen Darstellungen bisher wenigstens für die Menge der Bevölkerung gehabt hatte. Ein Londoner Blatt vergleicht den Umzug mit Recht mit einer Primadonna, die stets ankündigt, daß sie zum letzten Male auftreten werde. Man sieht sich die Sache an, weil man befürchtet, daß man sie nie wieder zu sehen bekommen werde. Die Einsichtigen werden ohne Zweifel den Beschluß des Hrd. Whitehead billigen, lieber einige Tausende von den Londoner Armen am Tage des Amtsantrittes zu bewirthen, als große Summen auf ein Schaugepränge zu verwenden, welches eine sehr kurze Augenweide liefert. Dennoch wird durch das Fehlen dieses Elementes der Lordmayor-Umzug seines characteristischen Merkmales beraubt, und es bleiben nur noch eine Anzahl berittener Polizisten, Husaren, Bannerträger, Kutschen und einige Musukcorps übrig. Die lokale City ließ es natürlich an äußerlichen Zeichen der Bewillkommnung ihres neuen Hauptes nicht fehlen. In den ehrwürdigen Straßen wimmelte es von bunten Fahnen, und der Localpatriotismus, welcher in England kaum weniger stark ausgeprägt ist, als in Deutschland, vergaß nicht, an verschiedenen Stellen daran zu erinnern, dass Hr. Whitehead der zweite Mayor ist, welchen Westmoreland London gegeben. Der Zug nahm seinen gewöhnlichen Weg, den er seit dem Jahre 1855 genommen hat, als der Lordmayor es zuerst aufgab, in der stolzen farbenreichen Barke der City von der London-Brücke nach Westminster sich rudern zu lassen. Von Guildhall ausgehend, wo das das daselbst aufgeschlagene schmutzige, arg gegen die Aesthetik verstoßende Zelt die ganze Anspruchslosigkeit des Engländers bei festlichen Veranstaltungen bekundete, ging es um halb 1 Uhr durch die Stadt nach dem Justizgebäude, wo der Lordmayor von den Richtern Ihrer Majestät vereidigt wurde, woraufhin er zum Danke, wie üblich, dieselben zu dem Festmahle in der Guildhall einlud. Auf dem Rückwege schloß sich die Gemahlin des Lordmayors dem Zuge an und wurde der Weg über den Strand längs der Themse genommen. Besondere Zwischenfälle scheinen nicht vorgekommen zu sein. Da die Socialisten gedroht hatten, in Trafalgar Square eine Volksversammlung abzuhalten, so ließ die Polizei es nicht an den nöthigen Vorsichtsmaßregeln fehlen, um unnöthige blutige Zusammenstöße von vorneherein zu verhindern. Schon um 10 Uhr waren auf dem Platze und in der Nähe desselben etwa 500 Polizisten versammelt und gegen Mittag war ihre Zahl schon auf 2000 angeschwollen.

London, 12. Nov. Unterhaus. Der Minister des Innern, Matthews, kündigt an, Warren, der Polizeichef der Haupstadt, habe seine Entlassung eingereicht und er habe dieselbe angenommen. (Beifall.) Der Chef der Admiralität, Lord Hamilton, erklärt, für dieses Jahr seien keine neuen Forderungen für die Verstärkung der Flotte beabsichtig, aber für die nächste Session.

 

Thomas Schachner
(Dokument zuletzt bearbeitet am 31.07.06)






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