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Freisinnige Zeitung, 30. September 1888

Die Londoner Morde erhalten durch die von dem Leichenbeschauer für Südost Middlesex geführte Untersuchung speziell der Annie Chapman einstweilen eine seltsame Erklärung. Der Leichenbeschauer fand, daß Teile des Körpers fehlten. Er sagt weiter: „Der Körper ist nicht sezirt worden; allein die Verletzungen wurden von Jemand verübt, der beträchtliche anatomische Geschicklichkeit und Kenntnisse besaß. Ein bloßer Metzger würde z.B. die Operation nicht ausgeführt haben können. Es muß Jemand gewesen sein, der an den Obduktionssaal gewöhnt ist. Ob der Mörder, wie vielseitig angenommen worden, ein blutdürstiger Irrsinniger war, muß dahingestellt bleiben, allein es ist klar, daß es einen Markt für die vermißten Teile des Körpers giebt. Wenige Stunden nach der Veröffentlichung des ärztlichen Gutachtens über den Mord benachrichtigte mich der Unterkurator des Pathologischen Museums, daß in vor etlichen Monaten ein Amerikaner ersucht hätte, ihm eine Anzahl von menschlichen Körperteilen, wie sie dem Körper der ermordeten Frau fehlen, zu verschaffen. Es erklärte sich bereit, 20 Pfund Sterling für jedes Exemplar zu zahlen. Obwohl ihm gesagt wurde, daß die Erfüllung seines Gesuches unmöglich sei, bestand er doch darauf. Er wollte diese Objekte nicht in Spiritus, sondern in Glycerin präservirt haben und sie direkt nach Amerika senden. Es ist bekannt, daß er dieses Gesuch bei einem ähnlichen Institut wiederholte. Nun, ist es nicht möglich, daß die Kenntnis von diesem Verlangen irgend ein verworfenes Geschöpf bewogen haben mag, sich in den Besitz solcher Stücke zu setzen? Unsere Kriminalannalen beweisen, daß jedes Verbrechen möglich ist.“ Schließlich betonte der Leichenbeschauer Mr. Baxter, daß das Motiv des Mörders klar zu Tage liege. Seine anatomischen Kenntnisse stellten ihn über die Kategorie eines gemeinen Verbrechers, denn diese Kenntnisse könnten nur erlangt werden durch die Beteiligung an Obduktionen. Ob die Polizei, welche nun weiß, in welcher Gesellschaftsklasse sie den Mörder zu suchen habe, in der Entdeckung desselben glücklicher sein wird als bisher, bleibt abzuwarten.

 

Thomas Schachner
(Dokument zuletzt bearbeitet am 19.11.06)






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