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Hamburgischer Correspondent, 16. November 1888

London, den 13. November. (Aus dem Unterhause)
Im Unterhause gab heute der Minister des Innern, Matthews, wiederum Erklärungen über die Ursachen des Rücktrittes des Londoner Polizeichefs Sir Charles Warren ab. Am 8. ds. Mts. richtete Matthews an Warren ein Schreiben, worin er sagte, seine Aufmerksamkeit sei auf einen von ihm (Warren) unterzeichneten Aufsatz in „Murray's Magazine" über die Verwaltung und Disciplin der Londoner Polizei gelenkt worden. Er übersende ihm die Abschrift eines am 22. Mai 1879 vom Minister des Innern erlassenen Rundschreibens, welches die Regel feststellt, daß kein Beamter ohne die Genehmigung des Ministers etwas über das Departement, dem er angehört, veröffentlichen dürfe. Diese Weisung habe Anwendung auf jeden Beamten der Polizei, vom Obercommissar abwärts. Am ?namitchen? (Wort nicht identifizierbar) Tage antwortete Warren, er würde, wenn er gewußt hätte, daß eine solche Regel in Kraft sei, den Polizeicommissarposten nicht angenommen haben. Er betonte, daß seine (Warren's) Funktionen durch Gesetze geregelt wurden und daß der Minister des Innern nicht befugt sei, der Polizei Befehle zu ertheilen. Dieses Rundschreiben würde, wenn es in Kraft gesetzt werde, thatsächlich Jedermann in den Stand setzen, die Polizei anonym anzugreifen, ohne den Commissar zu befähigen solche Behauptungen zu berichtigen, war er (Warren) während der letzten drei Jahre zu thun pflegte, wann immer es nothwendig war. Er lehne es gänzlich ab, diese Instruktionen anzunehmen, und bitte wiederholt um seine Entlassung. Am 10. November antwortete Matthews, der Protest Warren's gegen die Instructionen des Ministers des Innern sei gänzlich unzulässig, und er nehme folglich sein Entlassungsgesuch an. Gleichzeitig statte er ihm Dank ab für die Dienste, die er der Regierung während seiner Verwaltung der Polizei geleistet habe. Nach Verlesung des in Wortstehendem skizzierten Briefwechsels fügte der Minister hinzu: „Ich benachrichtige das Haus, daß die Regierung das Entlassungsgesuch Sir Charles Warren's aus diesem Grunde und keinem anderen annahm. Das Ermangeln der Polizei, die jüngsten Verbrechen in der Hauptstadt zu entdecken, und die Meinungverschiedenheit zwischen Sir Charles Warren und Mr. Monroe hatten nichts mit der Verabschiedung eines so ausgezeichneten und in der Ausübung seiner Pflichten so eifrigen Beamten, wie Sir Charles Warren gewesen ist, zu thun." Auf Befragen, was das Wort "wiederholt" in Sir C. Warren's Entlassungsgesuch zu bedeuten habe, erwiderte Matthews, daß frühere Meinungsverschiedenheiten Sir Chs. Warren veranlaßten, um seine Entlassung zu bitten. Über diese Meinungsverschiedenheiten könne er indeß keinen weiteren Aufschluß geben. Conybeare fragte, ob es wahr sei, daß der erledigte Posten dem Abgeordneten für Sheffield (Howard Vincent) angetragen wurde. Matthews verneinte dies.
Alsdann wurde die Berathung des Ausgabenbudgets für Zivilverwaltung wieder fortgesetzt. Anläßlich des Postens für den Unterhalt der Londoner Polizei beauftrage Bradlaugh die Streichung des Jahresgehaltes des Polizeichefs (£ 1500) als Protest wider das brutale Vorgehen der Polizei gegen das Volk im November vorigen Jahres, wo es den Versuch machte, Versammlungen auf Trafalgar Square abzuhalten. Lawon, Firth, Cuninghame, Graham und andere radicale Abgeordnete unterstützen den Antrag. Lawson mißbilligte den in der Polizei unter Sir C. Warren's Herrschaft eingeführten Militarismus und drückte die Hoffnung aus, der neue Polizeichef würde dem bürgerlichen Element angehören. Die Debatte wurde schließlich vertagt.

 

Thomas Schachner
(Dokument zuletzt bearbeitet am 26.04.06)






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